Nick Cutter: Die Erlöser

Hallo ihr Lieben,

 

heute möchte ich euch meine Rezension zu diesem dystopischen Thriller zur Verfügung stellen.

 

 

Der Thriller von Nick Cutter ist 2016  in der Übersetzung von Frank Dabrock beim Heyne Verlag erschienen. Freundlicherweise wurde mir der Roman als Rezensionsexemplar von Random House zur Verfügung gestellt. Leseprobe und Cover könnt ihr hier ansehen.

 

Der Roman erzählt von einer Zukunft, in der der christliche Glauben, die Weltherrschaft übernommen hat und die Trennung zwischen Kirche und Staat aufgehoben wurde. Jeder Ungläubige (also jeder Anhänger einer anderen Religion als der Staatsreligion) und jeder Sünder wird gnadenlos verfolgt, umerzogen oder ausgelöscht. Die Rechtsstaatlichkeit ist komplett von der Bildfläche verschwunden.

 

Schon der Prolog des Buches verheißt nichts Gutes, denn hier erzählt der Protagonist des Romans, Jonah Murtag, von einer Kindheitserinnerung, in der er den Lynchmord an einem geistig behinderten Moslem miterlebt hat.

 

Die dunkle Vorahnung, die einen bei diesem Prolog beschleicht, wird auch sofort im ersten Kapitel bestätigt. Hier folgt der Leser Jonah, einem Angehörigem der Spezialeinheit für Religionsverbrechen, bei seinem Einsätzen gegen Homosexuelle und später gegen Anhänger der Sekte Scientology. Die Einheit geht mit aller Härte gegen die angeblichen Sünder vor, und man fühlt sich sofort an Geschichten über die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten erinnert. Sowohl ideologisch als auch terminologisch scheint der Staat daran angelehnt zu sein. Dieser reale Hintergrund trägt einen Großteil dazu bei, dass man auf den ersten Seiten ein wirklich beklemmendes Gefühl bekommt. Auch der Gedanke daran, dass frühere Generationen in solch einer Welt leben mussten, und es auch heute noch Menschen gibt, die in Unterdrückung aufwachsen, sorgt dafür, dass man beim Lesen dieses Kapitels innehält und dankbar ist, dass man selbst in Freiheit und Demokratie leben darf. Ohne politisch werden zu wollen, ist dieses Kapitel eine Erinnerung daran, dass diese Werte, das höchste Gut sind, das eine Gesellschaft offerieren kann und deswegen verteidigt werden sollten.

 

Was mit solch realer Beklemmung begann, entwickelt sich jedoch im Laufe des Lektüre recht schnell zu Unglauben und Abscheu. Normalerweise bin ich nicht zimperlich. Aber was in diesem Buch geschieht, verlangt dem Leser viel ab, man erlebt hier eine wahre tour de force.

 

Die Hauptfigur, Jonah, blieb mir in jeder Szene fremd, ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, mich ihm in irgendeiner Weise emotional angenähert zu haben. Selbst in seinen, und unseren schlimmsten Momenten, konnte ich keine Verbindung aufbauen und damit auch seine Handlungsweisen nicht nachvollziehen. Ich mochte auch die Art, in der seine Gedankengänge präsentiert wurden, nicht. Man hatte immer das Gefühl, man müsste die Figur so gut kennen, dass man ihr ohne Erklärungen folgen kann. Die Wahrheit ist jedoch, dass der Autor es verpasst hat, uns die Figur nahe zu bringen, sodass ich manches Mal einfach nicht verstehen konnte, warum Jonah so handelt, wie er handelt.

 

Das ist meines Erachtens ein großer Minuspunkt in diesem Roman. Denn in einer Welt, in der wie die Regeln nicht kennen, müssen wir uns darauf verlassen, dass der Protagonist seine schützende Hand über uns hält und uns hilft, die Ereignisse zu verstehen.

 

Dies geschieht aber nicht, sodass ich mich hilflos hin und her geschleudert gefühlt habe, wie auf einer Achterbahn des Grauens, begleitet von einem Mitfahrer, dem ich nicht vertraue. Alles, was man dabei fühlt, ist die Furcht, nicht zu wissen, wo die Fahrt hingeht. Und bevor man sich vorstellen kann, was überhaupt auf einen zukommt, hat man schon die nächste Kurve des Grauens genommen. Und jede Kurve wird heftiger und heftiger. Es kommt einem unwirklich vor und am Ende, wenn man denkt, dass es nicht mehr schlimmer kommen kann, hält man plötzlich an und weiß nicht, wo einem der Kopf steht.

 

Ich möchte niemanden spoilern, aber dies ist wirklich kein Buch das man sich freiwillig antun sollte. Das ist schade, denn es hatte das Potenzial zur Sozialkritik. Das ist es aber nicht. Stattdessen hat man das Gefühl, der Autor wollte nur auf billige Schockmomente setzen und hat in einer Nacht einfach die schlimmsten und unglaubwürdigsten Dinge, die ihm eingefallen sind, aufgeschrieben und daraus dann den vorliegenden Roman entwickelt.

 

Daran ändert auch sein Nachwort nichts, in dem er uns versichert, dass genau dies nicht der Fall war. Cutter beteuert, seine Angst vor einem globalem Religionswahn sei die Antriebsfeder für seinen Roman gewesen. Leider kann ich ihm das nach Lektüre des Romans nicht einmal ansatzweise abnehmen. Und wenn er es doch tatsächlich so meint, dann ist er mit seiner Intention auf ganzer Linie gescheitert.

  

Das Potenzial der Idee wird in keiner Weise ausgeschöpft. Darüber hinaus wird man nicht nur völlig in der Luft hängen gelassen, es gibt auch keinen Grund, wieso uns der Autor diese tour de force zumutet, denn eine Moral oder Warnung, die einem solchen Buch eine wie auch immer geartete Daseinsberechtigung verliehen hätte, existiert hier einfach nicht.

 

Von mir gibt es keine Kaufempfehlung.

 

Wie seht ihr das? Denkt ihr, dass hier eine moralische Warnung oder eine Sozialkritik vorliegt?

Ich freue mich auf eure Meinungen!

 

Liebe Grüße

 

eure Julia

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