Harry Potter und das verwunschene Kind

 

Ach ihr Lieben,

 

wo soll ich nur anfangen? Ich weiß gar nicht, wie ich meine grenzenlose Enttäuschung über diese Groteske zum Ausdruck bringen soll.

 

Vielleicht fange ich am Anfang an. Ich schwöre feierlich, dass ich ein Harry-Potter-Fan bin

(pun intended). Ich habe alle sieben Bände unzählige Male gelesen – in Englisch, Deutsch und Französisch. Wobei ich gestehen muss, dass ich auch nach sieben Bänden noch immer schmunzeln muss, wenn jemand in der französischen Version sein baguette magique rausholt.

 

Und dann kam das, was man in der englischen Sprache gemeinhin als abomination bezeichnet.

 

Als ich hörte, dass Joanne K. Rowling einen neuen Band veröffentlicht, war ich wie alle Fans vor Freude kaum zu halten. Als ich hörte, dass es ein Theaterstück wird, hatte ich damit kein Problem, ich habe schließlich zu Schulzeiten Faust überstanden. Als ich dann aber hörte, dass Rowling nur ihren Namen zur Verfügung stellte, aber nichts mit der Buchkonzeption zu tun hatte, stellte sich bei mir Skepsis ein. Ich war mir auch anfangs nicht sicher, ob ich es überhaupt wagen sollte, das Buch zu lesen, denn ich wollte mir diese wundervolle Reihe nicht verderben. Ich hätte besser auf mein Bauchgefühl gehört, denn die anfängliche Skepsis wandelte sich über Bestürzen hin zu blanken Entsetzen.

 

Und wieder weiß ich nicht, wo ich anfangen soll.

 

Vielleicht bei der Textart? Wie gesagt, die Form des Theaterstückes stört mich gar nicht, ich finde es sogar sehr innovativ und hatte nichts gegen eine solches Experiment. Ich finde auch nicht, dass es dem Lesefluss oder der Charakterisierung unser geliebten Figuren. im Wege steht. Denn, was der Charakterisierung unser geliebten Figuren im Wege steht, ist nun ja, die Charakterisierung unser geliebten Figuren.

 

Und hier beginnt das wahre Übel. Wie Joanne K. Rowling ihren Namen für eine solche Demontage ihrer wundervoll ausgereiften, lebendigen, fast schon realen Figuren hergeben konnte, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Ich hoffe sogar, dass sie es aus rein monetären Beweggründen getan hat, denn alles andere lässt mich doch an ihrem Verstand zweifeln.

 

Wie konnte sie es nur zulassen, dass wir mit so einer völlig bizarren Figurenentwicklung konfrontiert werden? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich diese Buch als reine Fan Fiction betrachten werde, denn müsste ich das Buch als tatsächliche Fortführung der ersten sieben Bände betrachten, wüsste ich nicht, ob ich jemals wieder eines der Bücher in die Hand nehmen könnte.

 

***Vorsicht Spoiler***

Die Geschichte an sich ist in solchem Maße durchschaubar und vorhersehbar, dass ich meine liebe Mühe habe, zu glauben, dass sich bei irgendwem Spannung aufbauen konnte. Dass die gute Delphi das verwunschene Kind ist (or the cursed child, as I have only read this garbage in English, and those were two tragic days of my life that I am never going to get back), war sicher dem unaufmerksamsten Leser nach ihrer ersten Szene klar. Es spricht nicht sehr für mopey little Albus, dass er diesen gedanklichen Schritt nicht vollzogen hat. Aber darüber baut sich die Handlung auf, sodass ich es erst einmal als plot device akzeptieren muss. Delphie aber zur Tochter von Voldemort und Bellatrix Lestrange zu machen, ist so unglaubwürdig, dass man sich für den Autor, bzw. die Autoren am liebsten Fremdschämen würde. Wie kann man nur so eine an den Haaren herbeigezogene Idee zur Basis seines Theaterstückes erklären und dann erwarten, dass der Zuschauer (oder in unserem Fall der Leser) einem das abnimmt?

 

Lord Voldemort und Bellatrix Lestrange sind mit Sicherheit die letzten beiden Zauberer (und Hexen) der Welt, die ein Kind bekommen würde, wenn man bedenkt, was der Geburt eines Kindes vorausgeht. Und ich spreche in diesem Zusammenhang von der Zeugung. Ein asexuelleres Wesen als Lord Voldemort hat es in der Geschichte der Zauberei sicher nie gegeben. In der ganzen Reihe gibt es auch nur den geringsten Hinweis darauf, dass der gute Voldi auch nur einen Gedanken an solche niedere Triebe und Instinkte verschwendet.

 

Es ist also einfach nur unglaubwürdig, dass er eine Tochter bekommt und diese dann auch noch vor der ganzen Zaubereigemeinschaft versteckt aufwächst. Der gute Mann konnte nicht einmal seine Horkruxe richtig verstecken, aber er und Bellatrix können eine Schwangerschaft verheimlichen? Highly unlikely.

 

Aber selbst wenn man dieser Geschichte Glauben schenken möchte, oder sie einfach um der Handlung willen so hinnimmt, kommt man dennoch nicht um die wirkliche Schwäche des Buches herum.

Und diese liegt, wie oben schon angedeutet, in der Darstellung unserer geliebten Helden.

 

Fangen wir doch gleich mal mit Harry an. Harry ist in diesem Buch nicht wiederzuerkennen. Und das ist vermutlich auch gut so, denn so konnte ich einfach so tun, als wäre die beschriebene Person irgendein Fremder, der zufällig den Namen Harry Potter trägt. Hätte ich mich ernsthaft damit auseinandersetzen müssen, dass es wirklich unser Harry ist, der dort auftaucht, dann hätte ich wahrscheinlich selbst den Verstand verloren. Nichts von dem, was dieser Harry tut oder sagt, hat mit seinem Wesen aus der Buchreihe zu tun. Er ist ein nörgelnder, , kleinkarierter, unzufriedener und vor allem inkompetenter Mensch geworden, dem man die Midlife-Crisis schon auf zehn Meter Entfernung ansieht. Und soll ich wirklich glauben, dass Harry am Ende des Stückes so unnütz ist, dass es letztendlich sein 14-jähriger Sohn ist, der den Tag rettet? Gut, Harry hat als 14-Jähriger auch schon den Tag gerettet, aber, Entschuldigung, er war immerhin the chosen one, thank you very much.

 

Dagegen ist Albus nichts weiter als ein verwöhnter, eitler Junge, der anscheinend keine Erziehung genossen hat. Erschwerend kommt hinzu, dass er anscheinend von Natur aus über einen sehr hohen Grad an Idiotie verfügt. So sehr, dass ich über ihn gar nicht so viele Worte verlieren will, denn er war einfach nur unsympathisch, nervig und verdient meines Erachtens deswegen gar keine weitere Beachtung. Man soll ja ein Kleinkind in der Trotzphase auch nicht ermutigen.

 

Im Gegenzug dazu erleben wir nun Scorpio. Verrückterweise ist er für mich das einzige Licht in dieser Dunkelheit, das sich Buch nennt. Ihn fand ich einigermaßen vernünftig und er ist das, was sein Vater hätte werden können, wäre dieser in seiner Kindheit nicht der Erziehung von Lucius Malfoy ausgesetzt gewesen. Insofern muss ich sagen, dass ich ihn mochte. Aber auch Scorpio allein kann dieses Trauerspiel nicht retten. Zumal er die Hälfte des Buches über gar nicht auftritt. Vielleicht ist den Autoren am Beispiel Scorpio aufgefallen, wie schwach der Rest der Charaktere ist, und um dem Leser Sand in die Augen zu streuen, haben sie Scorpio einfach aus dem Weg geräumt. Nach dem Motto, wenn alle schwach charakterisiert sind, dann fällt es nicht auf. Tja, zu blöd, es ist doch aufgefallen.

 

Denn es hilft nicht, man muss in diesem Zusammenhang auch über Ron und Hermine sprechen. Oh Gott, Ron und Hermine. Was hat man ihnen nur angetan? Mein Herz blutet, wenn ich daran denke.

 

Selten, wirklich selten, wurde eine derart starke Frauenfigur so unterwandert. Hermine war sicher die Heldin unzähliger junger Mädchen und Frauen. Völlig zu Recht, denn sie war eine so kompetente und stellenweise sogar Furcht einflößende junge Frau, die die Situation so oft gerettet hat, dass es fast schon an Deus Ex Machina grenzte.

Im vorliegenden Stück ist sie nun (berechtigterweise wenn man von der ursprünglichen Reihe ausgeht) zur Zaubereiministerin aufgestiegen. An sich eine nachvollziehbare Entwicklung, denn sie hat es verdient. Aber wenn man das neue Buch zugrunde legt, so kann man sich nicht einmal ansatzweise vorstellen, wie sie es dorthin schaffen konnte. Man muss doch um den Verstand desjenigen fürchten, der sie in diese Position berufen hat. Sie wirkt so inkompetent. Sie hat Zugang zu den gefährlichsten Gegenständen der magischen Welt, aber sie kann diese Dinge dann nicht einmal vor zwei kleinen Jungs schützen? Unsere Hermine, die mit fünfzehn Jahren Zauber ausführen konnte, die die Ministeriumsmitarbeiter nicht einmal nachverfolgen konnten? I don't think so.

Außerdem würde ich sogar so weit gehen und behaupten, dass sie von der Verantwortung, die mit ihrer Position einhergeht, so eingeschüchtert ist, dass sie sich hinter Bürokratie versteckt und fast schon Angst hat, ihren eigenen Kopf zu gebrauchen. Es wäre tragisch, wenn man das Buch ernst nehmen würde.

 

Das gleiche gilt für Ron. Dass Ron noch nie die hellste Kerze auf der Torte war, wissen wir schon länger. Aber hat uns das was ausgemacht? Nein. Denn wenn es darauf ankam, wuchs er über sich hinaus und leistete seinen Beitrag zur Lösung des Konfliktes. Und hier? Hier ist er das, was der Brite gemeinhin als snivelling bezeichnet. Tatsächlich ist mir für ihn nur ein deutsches Wort in den Sinn gekommen, als ich ihn beschreiben wollte: Duckmäusertum. Ich glaube nicht, dass ich dieses Wort in meinem Leben schon jemals verwendet habe, aber in der Situation scheint es mir angemessen.

 

Ich wusste anfangs nicht, wie ich mit den beiden umgehen sollte, also habe ich versucht, die gleiche Taktik anzuwenden wie bei Harry und so zu tun, als hätten diese beiden Figuren nichts mit Ron und Hermine aus den ursprünglichen Büchern zu tun. Ging aber leider nicht auf, diese Taktik. Schade.

Denn gerade bei Hermine fällt es mir unglaublich schwer, Abstand zu gewinnen und ihre Verwandlung hinzunehmen. In der Reihe gibt es naturgemäß mehr Männer als Frauen, die eine zentrale und vor allem starke Rolle einnehmen durften. Für jede starke Frauenfigur kann man sicher zwei starke Männerfiguren aufzählen. Dass Hermine, die stärkste Frauenfigur von allen, nun so unterwandert wird, ist schwer zu verdauen und teilweise fast schon unverzeihlich.

 

Die anderen Figuren möchte ich an der Stelle gar nicht erst erwähnen, denn sie sind es einfach nicht wert, sich über sie Gedanken zu machen. Dazu gehört vor allem Ginny, die in der ursprünglichen Reihe schon zu erhöht war, als dass man große Sympathie für sie empfunden hätte. Hier erfährt sie nun wahrlich keine Besserung. Aber auch James, der genauso wie Albus anscheinend überhaupt keine Kinderstube hatte, gehört dazu. Aber wenn man sich Ginny und Harry so ansieht, dann wundert es einen auch nicht.

  

Für den Verlauf der Handlung, bzw. dem Entstehen der Handlung überhaupt, sollte man allerdings Delphi noch einmal erwähnen. Sieht man von der schieren Unmöglichkeit ihrer Existenz als Voldemorts und Bellatrix' Tochter einmal ab, ist sie selbst als Bösewichtin so unausgereift, dass ich nicht umhin kann, sie einfach nur lächerlich zu finden. Mit ihrem letzten Auftritt büßt sie alle, aber auch wirklich alle Bedrohlichkeit ein. Natürlich nur, wenn man so gnädig sein möchte zu behaupten, dass sie überhaupt zu irgendeinem Zeitpunkt bedrohlich gewesen wäre. Ich kann gar nicht viele Worte über sie verlieren, so beliebig war ihr Auftreten im Buch.

 

Die unglaubwürdige Handlung, die katastrophale Figurenentwicklung, das unausgegorene, jeglicher Logik und Spannung entbehrende Ende, sind alles Faktoren, die dazu beitragen eine einstmals wundervolle Geschichte mit derart lebendigen, liebenswerten Figuren einfach nur zu ruinieren.

 

Tatsächlich hatte ich manchmal das Gefühl, dass die Autoren von der Intelligenz des Lesers nicht gerade überzeugt waren, als sie uns diesen Schund unterjubeln wollten. Ich wünschte, ich hätte dieses Buch niemals in die Hand genommen. Am liebsten würde ich es „unlesen“. Da dies aber leider nicht möglich ist, muss ich mich damit begnügen, so zu tun als wäre ich dieser abomination niemals begegnet. Ich werde versuchen, die von mir so geliebten Charaktere so in Erinnerung zu behalten, wie sie sind.

 

Ich hoffe, ich habe mit diesen ehrlichen Worten niemanden verletzt, aber ich konnte einfach nicht an mich halten. Wenn ihr etwas anders seht, freue ich mich, mit euch zu diskutieren. Wenn ihr es so seht wie ich, könnt ihr mir gerne in den Kommentaren euer Leid klagen, denn I am right there with you.

 

Liebe Grüße

 

 

eure Julia

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Kommentare: 6
  • #1

    Michelle (Freitag, 20 Januar 2017 08:59)

    Hallo :)
    in Sachen Harry Potter ähneln wir uns sehr, außer auf Französisch habe ich auch alle Hände doppelt und dreifach gelesen und war jedes Mal aufs Neue begeistert und komplett umgehauen von dieser wunderbaren Welt.
    Ich habe mir "The cursed child" auch direkt am ersten Tag besorgt, hatte es am zweiten durch. (gut, das ist keine Kunst, durch die Dialoge liest man das ja auch viel schneller)
    Am Anfang hatte ich etwas Probleme damit, wie es geschrieben ist, allerdings kommt man den ersten paar Seiten schnell rein finde ich.
    Irgendwie hat man eine Wahnsinns Erwartung an das Buch gehabt, da ja die Harry Potter Bände 1-7 die Wunderwerke schlechthin waren. Allerdings habe ich mich schon etwas daraufeingestellt und bin nicht so ganz euphorisch an die Sache ran. Das heißt, ich konnte auch nicht so sehr enttäuscht werden.
    Ich fand es einfach mal wieder schön in die Welt einzutauchen und mal nicht ganz genau zu wissen, wie es endet.
    Das ist ein Buch, an dem sich die Geister scheiden und über das man stundenlang diskutieren kann. Klar, es ist kein Meisterwerk mehr geworden, aber wie ich schon sagte, es war einfach schön, mal was Neues über Harry zu lesen, ganz vom Inhalt abgesehen :)
    LG Michelle

  • #2

    Lenniac (Freitag, 20 Januar 2017 10:10)

    Ich weine, mein Herz blutet und fühlt sich an, als hätte J.K. Rowling erst rausgerissen und dann darauf eingestochen. Ich klappe dieses Schandwerk zu, atme tief durch und werfe es mit viel Schwung und voller Wut gegen die Wand.

    Damals wusste ich nicht, ob meine Reaktion übertrieben war oder nicht. Ich hatte die englische Version gelesen und hoffte für jeden einzelnen Harry Potter Fan, das meine Englischkentnisse mangeln, und das Buch deshalb so Furcht einflößend schlecht war. Nach deiner Rezension kann ich zum einen aufatmen, da mein englisch doch zu gebrauchen ist, zum anderen leide ich aber auch noch mehr, da die deutsche Fassung genau so schlimm zu sein scheint, wie die englische.
    LG einer genau so enttäuschten Lenniac

  • #3

    Julia (Freitag, 20 Januar 2017 13:07)

    Liebe Michelle,
    ich freue mich sehr über deinen Kommentar, und weiß, was du meinst, wenn du sagst, dass es einfach schön war, mal wieder in die Welt einzutauchen. Ich habe diese Figuren wie richtige Freunde vermisst. Deswegen konnte ich auch nicht widerstehen und musste das Buch lesen.
    Aber genau deswegen war ich auch so erschüttert, zu sehen, was angeblich aus ihnen geworden sein soll. Ich finde, es wird dieser tollen Reihe einfach nicht gerecht und wirkt wie ein Schandfleck auf der sonst so weißen Weste von Joanne K. Rowling.
    Die Welt von Harry Potter bietet auch after all those years noch so viel Potenzial, tolle Geschichten zu erzählen, und das ist, was dabei rausgekommen ist? Ich finde es Verschwendung, die Figuren so zu verheizen. Und diese unglaubwürdige Story? Es hätte so gut werden können....
    Ich wünschte das Konzept wäre durchdachter gewesen und man wäre der ursprünglichen Idee treu geblieben. Ich bin mir aber auch sicher, dass das nicht die letzte Fortsetzung bleiben wird, da. Wer weiß, vielleicht haben wir ja mehr Glück beim nächsten Mal ;-)

    Liebe Grüße
    Julia

  • #4

    Julia (Freitag, 20 Januar 2017 13:13)

    Liebe Lenniac,

    vielen dank für deine Worte, ich bin froh zu hören, dass ich nicht die Einzige bin, die so empfindet. Wie du sagst, man sucht erst einmal die Schuld bei sich selbst, aber in dem Fall liegt es bestimmt nicht an uns;-)

    Wie ich schon zu Michelle sagte, ich bin sicher, es wird noch mehr kommen, vielleicht ist ja beim nächsten Mal jemand am Werk, der die ursprüngliche Reihe ebenfalls gelesen und sich mit den Figuren auseinandergesetzt hat. Und vielleicht haben wir ganz viel Glück und derjenige hat genügend Fantasie, sich einen interessanten Gegenspieler auszudenken.

    Allerdings bin ich gespannt, wie man mit der Schande von London, wie ich dieses Werk auch nenne, umgehen wird. Ich stelle es mir schwierig vor, dieses Problem zu umschiffen.

    Liebe Grüße
    Julia

  • #5

    Sascha (Sonntag, 22 Januar 2017 23:56)

    Moin Julia,

    leider kann ich mich Dir heute nicht vollumfänglich anschließen. Wir sind uns einig, wenn ich sage, dass dieses Werk alles andere als ein würdiger Nachfolger unserer geliebten Romanreihe ist. Ich kann Dir aber nicht zustimmen, wenn Du schreibst die Charaktäre wären zur Unkenntlichkeit entstellt. So habe ich mich durchaus gut an die Romane erinnert gefühlt. Jedenfalls so gut wie es ein Skript eines Theaterstücks eben zulässt. Vielleicht täuscht mich auch nur meine Erinnerung aber haben wir diesen hin- und hergesrissenen Harry nicht auch kennengelernt, als er sich von seinen Freunden verlassen gefühlt hat? War das Duckmäusertum des lieben Ron nicht schon immer irgendwo ein Teil seiner Rolle im Verhältnis zu Hermine und Harry, auch wenn er als junger Protagonist sich dem noch nicht ergeben hatte? Das Problem dieses Werkes ist seine Form. Es leidet ganz erheblich an der Erwartungs mit der man versucht ist es zu lesen. Es bleibt ein Theaterstück, das eine Regie und Schauspieler braucht um mit Leben gefüllt zu werden. Ist der Regisseur und Schauspieler die Phantasie eines kritischen Lesers, so mag es sicher weniger verzaubern, als wenn man es als unvoreingenommener Leser als Hommage an eine Romanreihe liest, die Ihresgleichen nie wieder finden wird. Wie abgrundtief böse und erschreckend könnte der Bösewicht sein, mit einer passenden Besetzung und schauspielerischem Talent? Ich für meinen Teil habe dieses kurze Intermezzo genossen. Mag sein, dass es durchschaubar war. Aber lebt das Theater nicht gerade von absehbaren Folgen, die den Protagonisten einfach nicht in den Sinn kommen wollen? Ich habe mich für einen Nachmittag gut unterhalten gefühlt. Ein teurer Spaß.

  • #6

    Julia (Mittwoch, 25 Januar 2017 00:15)

    Lieber Sascha,

    erst einmal vielen lieben Dank für deinen Input, dein Kommentar hat mich zum Nachdenken angeregt, und ich habe einige Gedanken dazu.

    So muss ich sagen, ich kann deine Einwände bezüglich der Darstellungsform verstehen, aber ich stimme nicht vollkommen zu. Ich denke, wenn man eine gute Geschichte erzählt, dann ist das Format nicht ausschlaggebend. Ich gebe dir recht, dass die Wahrnehmung sicher eine andere wäre, hätte man das Stück (oder die Stücke) live gesehen. Dennoch ändert das nichts an der schwachen Geschichte und der bodenlosen Frechheit, die sich Charakterisierung nennt. Kein Schauspieler - auch nicht die britische Elite - hätte diese Farce, meiner Meinung nach, retten können. Naja, vielleicht Sean Bean. Wenn er mal nicht stirbt. Dann ist man so überrascht, dass man den Rest sowieso nicht in Erinnerung behält. Ich bin ein großer Fan von Sean Bean und warte noch auf den Tag, in dem seine Rolle mal überlebt. Aber ich schweife ab.

    Ich würde auch noch gerne etwas zu deiner Interpretation von Harry und Ron in den früheren Büchern sagen.

    Ich fange bei Harry an. Hier muss ich wirklich sagen, dass ich Harry in den alten Büchern eigentlich nie als so unsympathisch erlebt habe. Und ja, er hat mit seinem Schicksal gehadert und, ja, er hat darüber lamentiert. Oftmals wusste er nicht, wie er weitermachen soll, und er wollte einfach aufgeben. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass er ein Kind war. Ein Kind, das seine Eltern verloren hat, sie nie kennen lernen durfte und stattdessen mit Menschen aufwachsen musste, die ihn physisch und psychisch misshandelten. Und immer, wenn in seinem Leben etwas Gutes geschehen ist, wurde sein Glück sofort zerstört. Er hat so viel Leid und Verlust in seinem jungen Leben durchmachen müssen, dass es ein Wunder ist, dass er während dieser Zeit überhaupt noch fähig war, zu lieben und Freude zu empfinden und sich nicht in der Fötusstellung eingerollt hat, um einfach nicht mehr aufzustehen. Vor allem konnte er trotzdem immer selbstlos an andere denken, und das hat alle Schwächen, die dieses Kind vielleicht hatte, wettgemacht. Der Harry, den wir im vorliegenden Theaterstück sehen, ist ein erwachsener Mann, der in der Lage sein müsste, seine eigenen Handlungen zu reflektieren und damit die Beziehungen in seinem Leben positiv zu gestalten. Stattdessen ist er überhaupt nicht in der Lage, Empathie zu empfinden, sei es gegenüber seiner Frau oder seiner Kinder. Und das finde ich so schaden, denn der Harry, den wir kannten, wurde durch seine Empathie und seinen Altruismus definiert. Davon sehe ich hier leider gar nichts. Natürlich könnte man argumentieren, dass es nach all dem Leid in seinem Leben eine natürliche Reaktion ist, aber dann ist Harry kein Held mehr, sondern ein Mensch mit starken Problemen, der Hilfe benötigt. Aber so wird er hier nicht präsentiert, deswegen denke ich nicht, dass es die Intention der Autoren war, ihn so darzustellen. Ich denke eher, dass sie nichts mit ihm anfangen konnten und ihn zum Antagonisten für Albus machen wollten, damit dieser sich gezwungen fühlt, diese Mission anzugehen, so fragwürdig seine Argumentation auch sein mag.

    Ron. Ich habe ein Herz für Ron. Und der Grund dafür liegt in der Tatsache, dass er einfach der Normalste war. Mit ihm konnte man sich identifizieren. Er hat auch die potenziellen Gefahren hinter Harrys Leichtsinn gesehen. Dieser hat sich oftmals einfach blindlings in Gefahr begeben, wohingegen Ron erst einmal an die Konsequenzen gedacht hat. Das ist nicht unbedingt eine schlechte Eigenschaft, sondern eher sehr vernünftig. Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern sich der Gefahr zu stellen, TROTZ der Angst. Das ist ein Zitat, aber ich weiß nicht mehr von wem. So oder so, hat sich Ron JEDER Gefahr gestellt. Er hat vielleicht manchmal etwas gebraucht, aber er war immer da, wenn es hart auf hart kam. In diesem Theaterstück, habe ich diese Sicherheit, dass er da sein wird, einfach vermisst.

    Das ist natürlich alles rein subjektiv und ich glaube, dass man jedes meiner Argumente sicher entkräften kann. Aber ich kann mir einfach nicht helfen, ich habe mich um das schöne Wiedersehen mit alten Freunden betrogen gefühlt .

    Ich freue mich aber für dich, dass du es genießen konntest. Vielen Dank, dass du deine Sichtweise geteilt hast, denn sie hat mich zum Nachdenken gebracht und das ist genau das, was ich an Büchern so liebe. Man kann sich trefflich darüber streiten :-)

    Liebe Grüße

    Julia